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Meine Damen und Herren, lieber Thomas.
Es ist jetzt mehr als 30 Jahre her, dass ich dich
das erste Mal in deiner Wohnung in der Leipziger Straße
besuchte.
Wir sind uns vorher schon einige Male begegnet, meist im privaten
Kreis und ganz sicher auch auf dem berühmten IKEA-Sofa bei
Sibylle Bergemann und Arno Fischer.
Du, der damals schon berühmte Fotograf aus dem Westen Deutschlands.
Sternreporter.
Deine Frau Eva Windmöller war damals die erste akkreditierte
Sternjournalistin in der DDR. Du, als ihr Assistent getarnt, konntest
so einigermaßen unbehelligt die DDR bereisen.
Ich war damals Fotografiestudent an der Hochschule für Grafik
und Buchkunst in Leipzig und im dritten Studienjahr.
Ich weiß nicht mehr, weshalb ich dich besuchte, sicher war
es kein konspiratives Treffen, wahrscheinlich hast du mir nur
ein paar entwickelte Filme oder eine lang ersehnte Langspielplatte
aus Westberlin mitgebracht, so wie für viele andere Freunde
und Berufskollegen aus dem Ostteil Berlins.
Warum dieses Treffen für mich als erstes wichtiges mit dir
in Erinnerung geblieben ist, hat einen anderen Grund.
Auf allen verfügbaren Tischen in deiner Ostberliner Wohnung
lagen Hunderte, und das ist nicht übertrieben, Hunderte Schachteln
mit Kodakchromedias. Es waren die Ergebnisse eines Fotografie–Kunst–Projektes
mit Heinz Mack. Tausende sehr exakt belichtete KB-Dias von inszenierten,
sich ständig ändernden und schnell vergänglichen
Installationen des Künstlers Mack in der Sahara.
Du erzähltest mit großer Leidenschaft und Engagement
von der gerade beendeten mehrwöchigen Reise in die Wüste.
Von den fantastischen temporären Plastiken des Künstlers
Mack, von den Farben des Lichts in der Sahara, und von den zum
Teil an die Grenze des physisch machbar gehenden körperlichen
Einsatzes eines Fotografen.
Ich schaute mir deine Fotos an, viele noch jungfräulich,
während du versuchtest, einen ersten Überblick über
deine Arbeit zu bekommen.
Ganz nebenbei zeigtest du mir eine Tasche, voll mit mehreren
Nikons und mit einer für mich unvorstellbaren Anzahl von
Objektiven. Alle versandet, kaputt und reif für die Reparatur.
Ich habe die Wohnung verlassen mit dem Gefühl, einen wirklich
großen und sympathischen Fotografen kennen gelernt zu haben,
und außerdem mit der wagen Vorstellung, wie toll ein Fotografenleben
sein kann.
Dass ich bis zum heutigen Tag immer wieder an dich erinnert werde,
hat mit einem Tauschgeschäft während deiner Zeit in
der DDR zu tun, und das war dann doch schon ein wenig konspirativ.
Thomas Hoepker hatte vom Stern den Auftrag, eine Bildstrecke über
den Nachbarn Niederlande zu erarbeiten. Die Idee war, an Hand
von Vorlagen aus der klassischen holländischen Malerei zeitgemäße
Adaptionen zu finden. So wurde zum Beispiel das berühmte
Gemälde von Jan Vermeer, die Spitzenklöpplerin, mit
einer Bandarbeiterin aus dem Elektronikkonzern Philips nachempfunden.
Es sollten farbenprächtige und scharfe Doppelseiten werden,
im Mittelformat.
Er musste seine geliebten Kleinbildkameras mit einer Hasselbladausrüstung
tauschen.
Die Ergebnisse mit der neuen Kamera waren „nicht nachhaltig“,
wie er mir sagte, und so landete sie vergessen im Schrank.
Wie der Zufall es will, gab es zu dieser Zeit im Osten vietnamesische
Teppiche, wunderschön, aus reiner Wolle und sehr traditionell.
Man musste nur wissen, wo und wie man an diese begehrte Ware aus
dem Bruderland herankam, und das wusste ich.
Und so wechselten zwei Teppiche und eine Hasselbladausrüstung
ihre ursprünglichen Besitzer.
Ich konnte endlich den DIN–Anforderungen der DDR Druckereien
für Farbfotos gerecht werden, Kleinbilddias entsprachen nicht
der Norm, du wurdest deine ungeliebte Hasselblad los und deine
Frau Eva freute sich.
Noch heute ist diese Hasselblad das wichtigste Arbeitsgerät
meiner Frau Ute Mahler.
Viele Jahre später, 1988, hast du uns, und jetzt muss ich
in der Mehrzahl sprechen, Ute und mir, einen phantastischen Auftrag
angeboten. Mit allen erträumten Voraussetzungen. Du warst
damals Art Direktor beim Stern.
Thomas Hoepkers damalige Worte waren ungefähr so:
Liebe Ute und Werner, ich möchte gerne, dass ihr euch mal
die Bundesrepublik genau anschaut. Mit den Augen zweier Fotografen
aus dem anderen Teil Deutschlands. Macht erst mal drei Wochen.
Geld und Material spielen keine Rolle, und wenn ihr mal was braucht,
einen Hubschrauber zum Beispiel, dann ruft mich einfach an. Ihr
habt alle Freiheiten, und danach schauen wir mal, was euch interessiert
hat und ob ihr fertig seid, wenn nicht, hängen wir noch ein,
zwei Wochen dran.
Heute hört sich diese Geschichte an wie aus einem Fotografenmärchen.
Doch Thomas Hoepker war solche Arbeitsweisen gewöhnt, sicher
mal mehr und mal weniger. Seine Förderer und Auftraggeber
Henri Nannen und vor allem Rolf Gillhausen haben ihren Fotografen
und Journalisten genau solche Bedingungen eingeräumt. Die
Gegenleistung dafür war der unbedingte Einsatz für die
Story. Kritisch, mit einer persönlichen Handschrift und möglichst
so noch nicht gesehen. Deshalb war es nur selbstverständlich,
dass Thomas Hoepker in seiner Position als Art Direktor den von
ihm beauftragten Fotografen die besten Arbeitsbedingungen schaffen
wollte.
Die Devise: „Hauptsache es ist scharf, Hauptsache es ist
billig und Hauptsache das Ereignis ist abgebildet“ war für
ihn unakzeptabel.
Er war sich bewusst, ein Fotograf muss sich ein Bild machen
können. Dafür bedarf es Interesse, Wissen, natürlich
Talent, einer eigenen Haltung zu den Dingen und Ereignissen und
eben auch Zeit und Geld.
Viele der hier gezeigten Arbeiten zeugen von diesem Wissen,
zeigen eine Haltung, immer mit einem realistischen und unvoreingenommenen
Blick. Thomas Hoepker sieht sich als Dokumentarist. Er sagt:
„Als Fotograf müsse man im engen Kontakt mit der Zeit leben, muss
das Gegenwärtige ergründen und enträtseln wollen, man muß schließlich
die Motive aufzuspüren versuchen, die die großen Fragen unserer
Zeit zu stellen scheinen, die vielleicht darauf antworten, die dem Schwerpunkt
unserer Zeit nahe kommen, die in einem gewissen höheren Sinn aktuell sind.“
Schon damals war Thomas Hoepker mit seiner Vorstellung von
einem Fotografen und mit seiner Vision von einem Art Direktor
eine Ausnahmeerscheinung.
Dass aus unserem tollen Auftrag, außer einem dreitägigen
Aufenthalt in einem sündhaft teuren, wie wir aber damals
schon fanden, schlechten Hotel auf Sylt, nichts geworden ist,
dauert hier zu erkären jetzt zu lange.
Meine Damen und Herren!
Ich möchte Sie bitten, sich diese Ausstellung genau anzuschauen.
Die Fotografie hat sich geändert, die Inhalte der heutigen
Fotografien sind meist von subjetiven Erfahrungen getragen, reflektierend
auf das eigene Ich. Oder: kühl, distanziert und wertungsfrei.
Der Betrachter wird allein gelassen mit dem dargestellten Fakt.
Was Thomas Hoepker uns zeigt als „Bilderproduzent“,
wie er es selbst von sich behauptet,
ist ein großes Interesse an Ereignissen, Veränderungen
und vor allen sozialen Problemen über einen Zeitraum von
50 Jahren.
Dass er seit einiger Zeit mehr dem bewegten als dem stehenden
Bild vertraut, hat sicher auch damit zu tun, dass er immer
weniger Möglichkeiten für eine Präsenz seines fotografischen
Anspruchs in den öffentlichen traditionellen Printmedien
sieht.
Sie haben heute Abend die wunderbare Gelegenheit
fünf Jahrzehnte Fotojournalismus,
fünf Jahrzehnte des Arbeitslebens eines Fotografen,
fünf Jahrzehnte deutscher Fotografie zu betrachten
und Thomas Hoepker kennenzulernen.
Die Überschrift zu meiner Rede könnte lauten:
„Eine sehr persönliche und Kunstkritik freie Erinnerung an einige
meiner Begegnungen mit Thomas Hoepker“
Ich wünsche Ihnen heute eine interessante Ausstellungseröffnung
und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Werner Mahler
Berlin, den 20.07.2007
Rede zur Eröffnung der Ausstellung:
Thomas Hoepker, Retrospektive, 50 Jahre Fotografie
In der C/O Galerie Berlin
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