"Jugendwerkhof Wolfersdorf"
eine Fotoreportage von Thomas Sandberg

Thomas Sandberg zeigt seine Serie "Jugendwerkhof" die er 1987 in der DDR fotografierte in
der Gedenk- und Begegnungsstätte Jugendwerkhof Torgau/Sachsen.
"Als ich 1987 den Auftrag erhielt, eine Fotoreportage über einen Jugendwerkhof für die Neue Berliner Illustrierte zu machen, war das ein Novum. Die Neue Berliner Illustrierte war ein repräsentatives Magazin, das in der DDR wöchentlich in hoher Auflage erschien. Man wusste zwar was ein Jugendwerkhof war, aber in den offiziellen Medien hatte ich über schwererziehbare Jugendliche bisher nichts gelesen. Die Genehmigung dort zu fotografieren und mit Jugendlichen und den Erziehern zu reden, kam direkt aus dem Volksbildungsministerium. Vermutlich hatte die Ministerin Margot Honecker selber ihre Einwilligung dazu gegeben. Über die Gründe dafür kann ich nur mutmaßen. Ich nehme an, dass es im 38. Jahr der DDR inzwischen so viele nonkonforme Jugendliche gab, dass die pädagogischen Sondereinrichtungen übervoll waren. An den Rändern der Großstädte hatte sich eine Jugendkultur gebildet, die im Widerspruch zu dem offiziellen Wunschbild stand, nachdem Jugendliche im Sozialismus zu hundert Prozent Mitglied der Jugendorganisation sein sollten und tatkräftig an der “Vervollkommnung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft” mitzuarbeiten hatten.
Mir war klar, wenn man schon gestattet einen Jugendwerkhof von innen zu zeigen, dass man uns eher in eine harmlosere, vorzeigbare Einrichtung schickte. Meine Erwartung an das, was uns dort begegnen sollte, und wie realistisch der Einblick sein konnte, den man gewähren würde, war eher gering.
Als wir dann aber in Wolfersdorf eintrafen ereignete sich gleich am Anfang eine Szene, die so von der Leitung in Anwesenheit der Presse nicht geplant gewesen sein konnte. Es gab eine heftige Auseinandersetzung eines relativ jungen Erziehers mit einem etwa 15 jährigen Jungen, der sich offensichtlich dem geltenden Reglement nicht unterordnen wollte. Zwei Erzieher ließen den Jungen daraufhin seine persönlichen Sachen aus seinem Schrank nehmen und führten ihn in eine Art Zelle ab. ...
Der Leiter erklärte uns, dass sie nach dem Credo des sowjetischen Pädagogen Makarenko arbeiten. Erst muss der Wille der Jugendlichen gebrochen und die falsch entwickelte Persönlichkeit entwertet werden um sie dann mit Hilfe des Kollektivs auf gesunde Weise wieder aufzubauen. ...
Da gab es ganz offensichtlich in den Gruppen Kapo- und Denunziantentum, und von den Erziehern verhängt, das Instrument der Gruppenstrafe. Viele der Jugendlichen schienen mir in psychisch fraglichem Zustand, man glaubte eine nervöse Hyperaktivität auszumachen. ...
Die ihnen Anvertrauten hatten aber offensichtlich vor allem ein Defizit an persönlicher Zuwendung und ein Mangel an Vertrauen. ... Viele Jugendliche empfand ich als sensible und über die Maßen verletzlich. ... Ich erinnere mich an einen Jungen, der von einem Heimurlaub frühzeitig wiederkehrte, weil sein Vater ihn zuhause rausgeworfen hatte. Er hatte ihn als Nichtsnutz beschimpft, er wollte keinen Sohn, der im Jugendwerkhof gelandet war. Der Junge war verstört und hatte jede Art von Vertrauen verloren. ... Ihm war wohl über Nacht klar geworden, dass es keinen Rückweg nachhause in die Kindheit mehr gab. ..."
Auszug aus dem Begleittext zur Ausstellung
Berlin, August 2008
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