
Editorial
Häufig wird der Begriff »Glück« mit
der absoluten Freiheit und der uneingeschränkten Entwicklung des Individuums verbunden. Wer dieses Glück will, der befindet sich auf dem nie endenden Weg der Suche. Er ist ein »Glückssucher« , der unterwegs ist, um seinem Traum nä her zu kommen. Diesen Traum haben täglich Millionen von Menschen.
Allein nach Mumbai strömen jeden
Tag 12.000 Menschen, Neuankömm-linge, in der Hoffnung, ihr Glück in
dieser Stadt zu finden. Sie suchen
Jobs und werden Bauarbeiter, Fahrer
oder Kleinstunternehmer in den endlosen Slums. Sie suchen Erfolg, werden Straßenverkäufer oder erkämpfen sich einen kleinen Platz in dem Moloch von Bollywood, sie suchen Anerkennung und müssen dafür ihre Körper stählen. Sie alle haben ihren Anteil daran, dass die Mega-City Mumbai auch am nächsten Tag wieder für Tausende zum Ziel ihrer Glückssuche wird.
Im Vergleich zu Mumbai ist Warschau nicht solch eine riesige Stadt, gehört aber in Europa zu den Stä dten mit dem größten Entwicklungspotential.
Der Kapitalismus erlebt eine Art
Wiedergeburt. Eine nicht abreißende
Aufbruchsstimmung nach dem Fall
der sozialistischen Diktatur lockt die
Menschen in die Metropole Warschau. Sie erhoffen sich ihren Teil vom Wohlstand. Auch wenn es nur eine billige Kopie ist oder sie dafür in geschlossenen Gesellschaften eingezäunt leben. Sie kommen auch, weil sie nur hier ein gewisses Maß an sexueller Freiheit leben können. Ein großer Teil scheitert an dieser rasanten
Entwicklung. Sie sind der Geschwindigkeit der Veränderungen nicht gewachsen, oder sie scheitern an den veränderten sozialen Lebensverhältnissen einer neuen Individualgesellschaft.
Berlin ist zum Mekka der Künstler
aus aller Welt geworden. Bewegt man sich an bestimmten Orten der Stadt, ist Englisch die Umgangssprache. Künstler, oder die sich dafür halten, suchen das Glück in ihrer ganz eigenen Kreativitä t in dieser toleranten Stadt, die voller Brüche ist. Noch lässt sie allen Freiraum für Fantasie und Selbstverwirklichung. Junge Fotografen aus Berlin, Warschau
und Mumbai waren auf der Suche
nach den «Glückssuchern« . Gefunden haben sie Bilder von Architekturen, Interieurs und Menschen, mit denen sie vom Leben in den drei Städten unter dem Aspekt der Migration
erzählen. Sie berichten in eindrücklichen Reportagen und Essays über das, was uns antreibt, über unsere Wünsche,
Träume und Ziele.
Werner Mahler
Ostkreuzschule
für Fotografie |