Foto: Thomas Sandberg
 

New York Workshop 2009

Ostkreuzschule trifft  Bruce Gilden im Magnum Büro New York

"He Couldn't Resist"

Wenn man in New York den Broadway oder die Fifth Avenue runter läuft und man plötzlich auf einen Kerl stößt, der mit der einen Hand einem eine Kamera ins Gesicht hält und mit der anderen Hand ein Blitzlicht abfeuert, dann kann man ziemlich sicher sein, daß man Bruce Gilden getroffen hat.

Bruce Gilden ist nicht der Einzige der diese Methode des Fotografierens betreibt, man kennt den Fotografen Mark Cohen, aber der lebt und arbeitet nicht in New York City. Cohen schleicht sich eher dezent von der Seite an, nicht so Gilden, der geht direkt und sehr aggressiv auf Leute zu die ihn interessieren, hält die Kamera mit Weitwinkel hoch, drückt ab und entschuldigt sich hinterher. "I saw you, I couldn't miss you" oder "I couldn't resist", sagt er und genau das ist es was ihn offensichtlich zu seinen Bildern treibt. Er kann nicht widerstehen, er muss seine Aufnahme schießen. Es sind subjektive Momentaufnahmen, Straßenszenen die durch das verwendete Blitzlicht etwas Surreales bekommen und vor allem dazu dienen, uns zu zeigen, wie Bruce Gilden die Menschen sieht. Das letzte Mal sah ich seine Bilder in zwei Meter großen Prints in einer New Yorker Kunstgalerie. Diese Bilder wollen beeindrucken, darum wohl die Größe.

Dabei ist Bruce Gilden nicht grade der Typ, der gefallen will, eher im Gegenteil. Leicht könnte man ihn als schroff und abweisend wahrnehmen. Ich denke über das Wort vom "Ego Shooter" nach, aber New York kann das tolerieren - man stelle sich ihn in Berlin vor.

Die Ostkreuzschule besucht das Magnum Büro in New York und zufällig ist Bruce Gilden da und zeigt uns die neuste Multimediaproduktion, die "Magnum In Motion" aus seinen Bildern und Audioaufnahmen gemacht hat. Es sind Bilder von einer Reise in die Autostadt Detroit, Bilder von der Krise. Ein Amerika, wie man es aus den Dreißiger Jahren des vorherigen Jahrhunderts zu kennen glaubt. Hier geht es kaum darum, wie Gilden die Menschen sieht, fast vergessen ist alle artifizielle Bemühung, aller künstlerische Stilwille. Hier dokumentiert er nackte Tatsachen. Armut, Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit scheinen ihn nicht herauszufordern, durch seine Methode, den Bildern seinen Stempel aufzudrücken, seine Sehweise zu zelebrieren. Angesichts des Schicksals der Leute, die er dort traf, konnte er diesmal nicht widerstehen, "einfach nur" ein Chronist zu sein. "He couldn't resist" und da merkt man plötzlich, Bruce Gilden entwickelt Empathie. Es entsteht Nähe, die beeindruckt und mit und durch die gezeigte Arbeit wird uns plötzlich auch Bruce Gilden nahe.

Thomas Sandberg, August 2009

The Troubled City